
Ueber einen Monat in Indien und mehr als zwei Wochen im Camphill. Zeit fuer frische Informationen und Berichte.
Nachdem ich fuer 3 Wochen mit Susi und Philipp an der Suedwestkeuste im Bundestaat Kerala herumgereist bin, hat mich die Pflicht nach Bangalore gerufen. Wie es anscheinend so ueblich ist in Einrichtungen wie dieser bin ich gleich vom ersten Tag an voll in die Arbeit integriert und involviert worden. Das ist zwar anfangs alles ein wenig uebervordernd aber hat auch dazu beigetragen, dass ich mich inzwischen schon ziemlich heimlich fuehle hier.
Ein paar Worte zur Einrichtung hier: Die Gemeinschaft besteht aus 2 Wohnhaeusern mit je 12 Betreuten und ca. 6 Co-Workern. Zusätzlich leben hier noch einige permanente indische Co-Worker, die teilweise schon seit der Gruendung der Einrichtung vor 8 Jahren (?) dabei sind. Die Grundstruktur der Arbeit gleicht der in Kfar Rafael in Israel, jedoch ist der kulturelle Einfluss ein ganz anderer. Das zeigt sich gleich einmal beim Essen. Gegessen wird im Schneidersitz auf dem Boden. Besteck ist dabei keins von Noeten, ueblicherweise genuegen da die Haende. Klarerweise ist das Essen auch jenseits von allem was wir Westler als „indische Kueche “ bezeichnen. Schon in der Frueh gibt es teilweise scharfe Reisgerichte und verschiedenste, bisschen gewoehnungsbeduerftige, Teigwaren. Das Essen hier im Camphill ist streng vegetarisch, wobei das meiner Meinung nach auch Ansichtssache ist, wenn sich im Mehl froehlich die Kakalaken paaren. Da ich dienstags nun immer mit auf den Markt gehe Gemuese fuer die ganze Woche einzukaufen und dann auf dem Fahrrad nach Hause zu transportieren, hab ich jetzt auch ungefaehr eine Ahnung was es kostet eine 45 Seelen Gemeinschaft fuer eine Woche mit Gemuese zu versorgen: Ca. 7,8 € d.h. 0,025 € pro Tag und Person. Aus anderem Quellen weiss ich, dass eine Mahlzeit fuer die gesamte Gemeinschaft weniger als einen Euro kostet.
Betreut und geleitet wird das Camphill von Francis, einer Holländerin und ihrem indischen Mann Anantha. Schon jetzt sehe ich, dass die beiden damit rerstlos ueberfordert sind und dadurch sehr viel mehr Verantwortung auf die Co-Worker abfaellt. In der taeglichen Betreuertaetigkeit und der Arbeit in den Workshops sind die beiden Hauseltern praktisch und theoretisch nicht anwesend, das macht auch die grosse Anzahl an Meetings erforderlich. Nicht weniger als 5 regulaere Meetings muessen Woche fuer Woche absolviert werden, sind immerhin noch 3 fuer mich dabei.
Meine Kollegen sind aus Oesterreich und Deutschland, es wird aber trotzdem hauptsaechlich Englisch und Kanada (die lokale Sprache hier im Bundesstaat Karnataka) gesprochen. Fast alle Villager koennen zumindest ein wenig Englisch, sodass ich keine Sprachbarrieren ueberwinden muss, so wie das in Israel der Fall war. Das macht alles schon viel einfacher. Selbst Francis, die jetzt schon seit 10 Jahren in Indien ist, spricht ausschliesslich Englisch hier.
Heute is mein freier Tag und ich werde wohl noch in die Stadt fahren um dieses e-mail abzuschicken. Die fahrt wird so um die ein bis zwei Stunden dauern, das weiss man nie so genau. Bangalore ist eine der fortschrittlichsten und Reichsten Staedte in Indien. Es gilt als das Silicon Valley Asiens und beherbergt in der IT Branche alles was Rang und Nahmen hat. Das bringt natuerlich einen gewissen Wohlstand, der den Kontrast zur Armut nur noch viel groesser Erscheinen laesst. Wachstumsraten von ueber 30 % sind hier keine Seltenheit und die Zeitungen sind voll von innovativen Neuerungen, welche die boomende Stadt in den naechsten Jahren praegen soll. 10.000e neue Arbeitsplaetze, infrastrukturelle Projekte wie U-Bahn, Hochbahn, Autobahnen und Ausbau des Flughafens sind in Bau. Erste Anzeichen lassen sich schon erblicken und tragen auch zum ewigen Kontrastreichtum Indiens bei. Die Modernen klimatisierten Volvo Busse der regionalen Verkehrbetriebe kosten das 5 fache, sind aber auch immer nur halb besetzt, was den Ausblick auf einen Sitzplatz (eine seltene Raritaet in einem indischen Citybus) schmackhaft macht. Vielleicht nehm ich heut zur Abwechslung mal so einen :-)
Die Entscheidung, ob ich jetzt fuer ein Jahr oder nur ein halbes Jahr hier im Camphill bleiben werde, hab ich noch nicht gefaellt, ich tendiere jedoch zum kuerzeren Aufenthalt. Wie auch immer im Juni bin ich gezwungen zwecks Visaverlaengerung das Land zu verlassen. Was ich dannach mache steht in den Sternen. Nordindien und Nepal bereisen will ich auf alle Faelle, spaeter stehen Thailand, Laos zur Debatte und auch fuer ne gewisse Zeit in Israel zu arbeiten kann ich mir gut vorstellen. Zeitliches Limit hab ich mir keins gesetzt, Budgetaer sollte ich jedoch ganz gut auskommen. Mal schau’n welchen Weg mir das Leben weist.